Frankfurter Reime?


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Beitrag Di Jan 08 2008 18:26

Frankfurter Reime?

Ich lese gerade so Lyrik von einem Frankfurter Dichter, und der macht eine bestimmte Art Reime, deren Aussprache mir unklar ist. Es handelt sich um Reimpaare in der Art von:

davon – Aktion
drängt [...] sich an – Wahn
hin – glühn


Nun frage ich mich, wie wohl die Frankfurter Aussprache lautet, so dass sich diese Wortpaare reimen. Ich sehe zwei Möglichkeiten, entweder durchwegs mit langem Vokal:

davoon – Aktion
drängt sich aan – Wahn
hien – gliehn


oder durchwegs mit kurzem Vokal:

davon – Aktionn
drängt sich an – Wann
hin – glinn.


Die erste Variante mit langem Vokal dünkt mich wahrscheinlicher, wenn ich auch keine Ahnung habe. Kennt sich da jemand aus? Irgendjemand aus Frankfurt oder mit vertieften Frankfurter-Kenntnissen?

Ach ja, es gibt auch noch die dritte Möglichkeit, dass es sich nicht um echte Reimpaare handelte, nicht einmal in Frankfurt, aber das dünkt mich am unwahrscheinlichsten.
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Beitrag Do Jan 10 2008 17:08

Frankfurter Aussprache ist ziemlich das, was klischeehaft als "hessisch" durchgeht. Also das, was man z.B. von "Badesalz" oder "Mundstuhl" hört (ich wohne eine Stunde nördlich von Frankfurt, ich höre also jeden Tag sehr ähnliches), aber oft noch krasser.
Prinzipiell tendiert der Mittelhesse definitiv zur Vokallängung. Kurze werden lang, lange werden noch länger und sogar der erste Vokal in einem Diphthong kann gelängt werden.

Blöderweise trifft das meiner Ansicht nach (ich selbst spreche keinen Dialekt, bin aber hier aufgewachsen) nur beim zweiten Reim zu. "Davon" mit langem o ist absolut unfrankfurterisch, "hin" mit langem i klingt für mich auch relativ unwahrscheinlich (aber schon eher machbar). Ich halte das ganze schlichtweg für relativ unsaubere Reime.
"Drängt sich an" jedoch würde man hier häufig als "drängt sisch aan" hören.
Ferner werden Umlaute häufig entrundet, sodass der dritte Reim auch reiner wird.

(Keinen Kilometer vor meiner Haustür etwa befindet sich die "Oolemill", also die "alte Mühle".)
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Beitrag Fr Jan 11 2008 8:00

Lothenon hat geschrieben:Prinzipiell tendiert der Mittelhesse definitiv zur Vokallängung.

Aha, interessant, und vielen Dank für die Auskünfte!

Lothenon hat geschrieben:Blöderweise trifft das meiner Ansicht nach (ich selbst spreche keinen Dialekt, bin aber hier aufgewachsen) nur beim zweiten Reim zu. "Davon" mit langem o ist absolut unfrankfurterisch, "hin" mit langem i klingt für mich auch relativ unwahrscheinlich (aber schon eher machbar).

Oje, absolut unfrankfurterisch... Nun bestünde höchstens noch die Möglichkeit, dass eine Aussprache davoon in altertümlichem Frankfurterisch noch möglich war, aber mittlerweile (nach zweihundert Jahren) nicht mehr verwendet wird. Muss ich wohl doch die Universitätsbibliothek bemühen.

Da fällt mir noch ein: Zwischen kurzem und langem i besteht wohl ähnlich wie im Standard ein Qualitätsunterschied, so dass die Vokale in wohin mit kurzem i und wohien mit langem i sich nicht nur in der Länge unterscheiden würden?

Lothenon hat geschrieben:(Keinen Kilometer vor meiner Haustür etwa befindet sich die "Oolemill", also die "alte Mühle".)

Also Mühle mit ungedehntem (oder wieder gekürztem) Vokal... Ist denn das auch noch prototypisches Frankfurter-Hessisch?
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Beitrag Fr Jan 11 2008 11:20

Nun bestünde höchstens noch die Möglichkeit, dass eine Aussprache davoon in altertümlichem Frankfurterisch noch möglich war, aber mittlerweile (nach zweihundert Jahren) nicht mehr verwendet wird. Muss ich wohl doch die Universitätsbibliothek bemühen.

Das mag sein... Mir sagte mal jemand manche Goethe'schen Reime würden auch erst wirklich Sinn ergeben, wenn man seine Frankfurter Abstammung bedenkt. Ich bin zwar noch über keinen Fall bewusst gestolpert, aber vielleicht magst du ja hier mal Vergleiche anstellen.

Da fällt mir noch ein: Zwischen kurzem und langem i besteht wohl ähnlich wie im Standard ein Qualitätsunterschied, so dass die Vokale in wohin mit kurzem i und wohien mit langem i sich nicht nur in der Länge unterscheiden würden?

Würde ich schon sagen, ja. Ich glaube heutzutage wäre es sogar normal statt "hin" ein langes und geschlossenes "hie" zu finden.

Also Mühle mit ungedehntem (oder wieder gekürztem) Vokal... Ist denn das auch noch prototypisches Frankfurter-Hessisch?

100%ig prototypisch Frankfurter-Hessisch sicherlich nicht; Frankfurt ist eben eine Autostunde entfernt und zudem haben wir es hier mit recht finsterer Provinz zu tun, wo der "Aamenauä Loospeuzä" (Aumenauer Lahnspucker) behauptet ein anderes "Platt" zu sprechen, als der drei Kilometer entfernt lebende "Sellbäscher Dibbekuche" (Seelbacher Topfkuchen) :)
Prinzipiell aber ist die Ähnlichkeit schon noch ziemlich groß, finde ich, sodass ich es mir im Frankfurter schon vorstellen könnte (in allgemeinverständlichem Comedy-Hessisch wäre es allerdings sicherlich "alde Mühl").

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Beitrag Fr Jan 11 2008 11:50

Soweit ich weiß, bezieht sich der Ausdruck "Frankfurter Reime" ursprünglich ohnehin auf Goethe und seine Gewohnheit, ohne große Skrupel auch 'unreine' Reime bzw. solche, die vielleicht nur in seiner Mundart 'rein' klangen, zu bilden.

Ich habe keine konkreten Beispiele im Kopf (und weiß auch wenig bis nichts über die Frankfurter Mundart). Ich erinnere mich aber, dass Thomas Mann in dem Roman "Lotte in Weimar" etliche Beispiele dafür bringt (der Figur Riemer in den Mund gelegt). Leider habe ich das Buch momentan nicht hier.
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Beitrag Fr Jan 11 2008 20:56

Aha, ihr habt es schon erkannt, um den ollen Gehde geht es hier.

Ailinel hat geschrieben:Soweit ich weiß, bezieht sich der Ausdruck "Frankfurter Reime" ursprünglich ohnehin auf Goethe und seine Gewohnheit, ohne große Skrupel auch 'unreine' Reime bzw. solche, die vielleicht nur in seiner Mundart 'rein' klangen, zu bilden.


Naja, was heisst den "Mundart"? Wenn es damals so etwas wie eine Standardaussprache gab, dann war es das meissenische Deutsch, also Sächsisch. Die sächsische Aussprache galt bis ins 19. Jahrhundert als vorbildlich. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie durch die preussische Aussprache abgelöst – warum wohl? Es ist aber zu allen Zeiten so gewesen, dass sich die einzelnen Leute nicht gross um die Standardaussprache gekümmert haben. Goethe sprach halt sein Standarddeutsch so, wie es in Frankfurt gesprochen wurde, aber dadurch wird es nicht zur "Mundart", sondern bleibt Standarddeutsch.

Andere Reime:

Buch – genug
steigen – reichen

EDIT: noch einer:

Poeten – reden

(Alles übrigens aus den ersten paar Seiten Faust.)

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